Zeitungsbericht zum Schweinekopfskandal mit Leserbrief

Buxtehuder Tageblatt-e, Mittwoch, 15.06.2022 , 15:41 Uhr

Unbekannter legt Schweinekopf vor Flüchtlingsunterkunft – Polizei ermittelt

Von Anping Richter
Die Tat in Ohrensen legt einen anti-muslimischen Hintergrund nahe. Die Geflüchteten aus dem Sudan haben Anzeige erstattet.

Geflüchtete aus dem Sudan, die in Ohrensen untergebracht sind, haben am vergangenen Sonnabend, 11. Juni, am späten Abend vor dem Haupteingang ihrer Unterkunft einen Schweinekopf gefunden. Sie haben wegen des offensichtlich mit Absicht dort abgelegten Schweinekopfs die Polizei angerufen und Anzeige erstattet.
Wie Sprecher Rainer Bohmbach von der Polizeiinspektion Stade auf TAGEBLATT-Nachfrage bestätigt, hat die Polizei nun ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung eingeleitet. Laut Polizei handelte es sich um einen gegarten Schweinekopf, der in Alufolie gewickelt war, und den die Geflüchteten links von der Eingangstür vorfanden.
Am Tag zuvor hatte es eine Feier im Dorfgemeinschaftshaus in Ohrensen gegeben
Drei Mitglieder der Bügerinitiative Menschenwürde, mit der die Geflüchteten in Kontakt stehen, waren am Sonntag vor Ort und haben mit den Betroffenen und Nachbarn gesprochen. Wie sie berichten, hatte am Tag zuvor eine große Feier in dem Gebäude stattgefunden, in dem die Sudanesen untergebracht sind und das in Ohrensen auch als Dorfgemeinschaftshaus genutzt wird. 
Zeugen, die Beobachtungen zu dem Vorgang gemacht haben, die zur Aufklärung der Tat dienen könnten, werden gebeten, sich bei der Harsefelder Polizei unter der Telefonnummer 04164/88 82 60 zu melden.

Leserbrief

Harsefeld- es ist an der Zeit:
Aufstehen gegen Alltragsrassismus!
Wo ist der Aufschrei?

Der Schweinekopf ist der Gipfel der Menschenverachtung – aber nur die Spitze des Eisbergs!

Wieviel Alltagsrassismus müssen Geflüchtete und besonders schwarze Menschen aus arabisch, muslimischen Ländern noch ertragen, bis sie endlich Mitgefühl, Solidarität und Unterstützung im Alltag erfahren?
Die sudanesischen Männer leben nach der Tötung ihres ehemaligen Mitbewohners durch die Polizei im Oktober 2021 nicht freiwillig in der abgelegenen Sammelunterkunft in Ohrensen.
Sie fühlen sich "strafversetzt". Alle arbeiten, zahlen Steuern und könnten eigene Wohnungen bezahlen, aber in Harsefeld heißt es:
"Swatte wüllt we nicht!"
Die Angst vor dem "schwarzen Mann" ist scheinbar immer noch zu groß.

Ist die Zeit hier stehen geblieben?
Es ist zum Verzweifeln.

Ich schäme mich für den 50jährigen Mann und seine Geburtstagsgesellschaft aus Harsefeld und wünschte, er würde es auch tun und seinen eventuellen Scherz, der diese Geflüchteten, die schon soviel Leid ertragen mussten, zutiefst gekränkt hat, bereuen oder es gar schaffen, sich bei ihnen zu entschuldigen.

Könnte Integration gelingen?

Ja, sie ist eine Langzeitaufgabe und muss von beiden Seiten gewollt sein.
Bei 100 Millionen Flüchtlingen auf der Welt ist es an der Zeit umzudenken, Vielfalt zu leben, alte Strukturen abzubauen, zu verändern, aufeinander zuzugehen, sich kennen zu lernen, zu teilen, sich zu engagieren und gemeinsam an einem friedlichen Miteinander zu arbeiten – hier vor Ort, in Harsefeld und weltweit.

Warum müssen Geflüchtete auch nach vielen Jahren bei uns noch in zum Teil runtergekommenen, renovierungsbedürftigen Sammelunterkünften oder sogar Abrisshäusern menschenunwürdig hausen und sich einige Reiche sogar an der Vermietung solcher Unterkünfte bereichern?

Weil wir es zulassen, dass PolitikerInnen und Leitung und MitarbeiterInnen in der Verwaltung es scheinbar nicht ändern wollen oder inkompetent sind.

Wir brauchen ein vernetztes HelferInnen-System und aufsuchende Hilfe vor Ort für Menschen, die sich nicht alleine helfen können. Wir brauchen einen Plan für eine menschenwürdige Unterbringung Geflüchteter und bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen, sprich sozialen Wohnungsbau in kommunaler Hand – sofort.

Ich appelliere an die PolitikerInnen vor Ort, die Harsefelder SG-Bürgermeisterin, den Landrat, die MitarbeiterInnen in der Verwaltung, an die Polizei, alle Vermieter und an alle aufgeschlossenen, mitfühlenden Menschen in Harsefeld.

Nehmen Sie diese maßlose Kränkung der Geflüchteten nicht einfach so hin!

Setzen Sie sich bitte dafür ein, dass

• die Anzeige wegen Beleidigung nicht im Sande verläuft und der Täter
  sich stellt oder ermittelt wird.

• Die Unterkunft in Ohrensen umgehend geschlossen wird.

• Die sudanesischen Männer endlich menschenwürdigen Wohnraum in Harsefeld, Buxtehude und Umgebung finden.

Woher nehmen wir uns das Recht, in unserer Luxusblase zu leben, während wir gleichzeitig zulassen, dass unseren zum Teil schon vor vielen Jahren geflüchteten NachbarInnen in vielerlei Hinsicht die Menschenwürde genommen wird?

"Die Menschenwürde ist unantastbar"
darf nicht nur auf dem Papier stehen,
wir müssen uns dafür einsetzen, dass sie eingehalten wird
und
sie gilt für alle-
nicht nur für weiße, christliche EuropäerInnen.