Offener Brief an den NDR von Barbara Erhardt-Gessenharter

Sehr geehrte Frau Füller,

als ich Ihren Essay im NDR Info „Das Forum" vom 15.11.2016 hörte, habe ich mich sehr erschreckt und mich dann entschieden, Ihnen zu schreiben und diesen Brief auch an den NDR-Rundfunkrat zu schicken.

Ich glaube, gerade angesichts der Entwicklungen in Deutschland und in Europa müssen wir sehr wachsam sein, wenn einzelne ethnisch-religiöse Gruppen PAUSCHAL abgewertet und ausgegrenzt werden. Der ohnehin in unserer Gesellschaft bereits vorhandenen (und von einer neuen Partei besonders betriebenen) Islamfeindlichkeit als einer Form der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wird damit Vorschub geleistet. Der britische Soziologe Chris Allen definiert Islamfeindlichkeit als eine Ideologie [1], die Muslime und den Islam als das negativ konnotierte „Andere [2]" konstruiert [3] und damit von der Gruppe ausschließt, mit der man sich selbst identifiziert. Islamfeindlichkeit verbreite einseitig negative Sichtweisen über Islam und Muslime und diskriminiere [4] Letztere gegenüber anderen Menschen." [5]. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Islamfeindlichkeit Ihre Absicht war, doch sehe ich in Ihrem Beitrag die Grenze zu dieser Haltung doch schon überschritten.

Damit es ganz klar ist: Dass bei der neuen Situation, in der sehr viele Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen nach Deutschland kommen, auch über die dabei auftretenden Probleme und Konflikte immer wieder strittig diskutiert werden kann, soll und muss , erscheint mir selbstverständlich.

In Ihrem Beitrag wird aber nach meinem Eindruck DIE islamisch-arabische Kultur und werden insbesondere DIE arabisch-islamischen Männer in verallgemeinerter Weise abgewertet und verunglimpft.

Die Flüchtlinge aus dem arabischen Raum, die zu uns kommen, sind Menschen aus sehr unterschiedlich islamisch geprägten Ländern; so werden Sie die Kultur z.B. in Saudi-Arabien und Syrien sicher nicht gleichsetzen wollen; es gibt ganz unterschiedlich religiöse sowie auch sekuläre Muslime, es gibt gebildete und gering gebildete Menschen und, und, und. Und es gibt einfach fiese und freundliche Menschen.

Wenn Sie beispielsweise die pauschale Aussage zum Verständnis von Respekt in DER muslimisch-orientalischen Kultur, die sie von Necla Kelek ohne jede Diskussion oder Einschränkung übernehmen, und dies dann als verhaltensbestimmend für DEN arabischen Menschen deklinieren, ist dies mit unseren Erfahrungen überhaupt nicht vereinbar. Wir von der Bürgerinitiative Menschenwürde arbeiten im Landkreis Stade mit sehr vielen arabisch-islamischen Männern zusammen, z.B. als Deutschlehrerinnen (und dies sind weit überwiegend Frauen). Nicht erst nach dem Integrationskurs sondern schon von Anfang an lassen sich die allermeisten jungen Männer von Frauen leiten und sind sehr dankbar für den Unterricht; mangelnder Respekt kommt nur in seltenen Fällen vor (bei denen wir selbstverständlich sehr klar Stellung beziehen bis hin zum Rauswurf aus der Gruppe).

Insgesamt wird in Ihrem Beitrag an nicht wenigen Stellen bloß Negatives über DIE arabischen Flüchtlinge suggeriert: z.B. „oft mit dem Victory-Zeichen" - das gilt Ihnen anscheinend als Beleg eines Machoverhaltens. Könnte es nicht vielleicht eher als Ausdruck des Glücks, den Horror der Flucht überstanden zu haben, gesehen werden?

Ich bitte Sie, Ihre kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen möglichst konkret zu betreiben und nicht durch pauschale Aussagen einer verhängnisvollen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Vorschub zu leisten. Uns ist bewusst, dass solche kritischen Diskussionen manchmal eine Gratwanderung sind; doch um eines humanen Umgangs in unserer Zivilgesellschaft ist hier sensible Wachsamkeit umso wichtiger.

Gern laden wir Sie in unsere BI Menschenwürde ein, um konkrete Erfahrungen und Handlungsoptionen miteinander zu diskutieren.

Für die Bürgerinitiative Menschenwürde Landkreis Stade
Mit freundlichen Grüßen

Barbara Erhardt-Gessenharter
(1. Vorsitzende)