Offener Brief an den NDR von Prof. Dr. Wolfgang Gessenharter

Sehr geehrte Frau Füller,

Ihr Essay "Zwischen Euphorie und Ablehnung –Vom Umgang mit fremden Kulturen", in: NDR Info Das Forum (15.11.2016), hat bei mir sehr zwiespältige Gefühle und Gedanken ausgelöst. Auf der einen Seite finde ich es richtig, auf die Probleme von Integration von Flüchtlingen in eine aufnahmebereite Gesellschaft zu verweisen. Auf der anderen Seite stören mich aber die immer wieder bei Ihnen auftretenden Hinweise, dass es für Sie offenbar doch so etwas wie eine ziemlich starre und ziemlich einheitliche Kultur der muslimischen Flüchtlinge gibt. Ich erlebe in meiner eigenen praktischen Flüchtlingsarbeit und auch in den Erzählungen und Erfahrungswerten, die in vielen Medien veröffentlicht werden, dass hier dringend Differenzierung geboten ist, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Kompaktheitsannahme die Gefahr in sich bietet, zur self-fulfilling-prophecy zu werden.

Was mich aber besonders an Ihrem Essay störte, ist, dass Sie ein Uralt-Zitat von Churchill einwerfen, um die Deutschen daran zu erinnern, dass wir Deutschen "im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen noch immer nicht unsere Mitte gefunden" haben. Churchill bezog sich damals auf jene erbärmlichen Individuen, die sich kurz zuvor noch zur Herrenrasse zählten, um sich nach dem verlorenen Krieg als Opfer einer kleinen NS-Elite oder als nur folgsame Befehlsempfänger darzustellen oder sich feige durch Selbstmord den Konsequenzen ihres Handelns zu entziehen.

Die deutsche Bevölkerung hat inzwischen enorme Lernfortschritte gemacht. Die Artikel 1 und 3 unseres Grundgesetzes sind nicht mehr nur bedrucktes Papier, sondern für viele Handlungsinhalt und -ziel geworden. Dass einer Neuen Rechten, z.B. AfD und Pegida, dies nicht gefällt, sollte für uns genug Anlass dafür sein, dass wir die wahrlich schwierige Aufgabe entschieden angehen, die Würde des Menschen, nicht nur des Deutschen, nicht anzutasten (Art.1 GG) und niemanden "wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen" zu benachteiligen oder zu bevorzugen (Art.3 GG). Angela Merkel hat dies in bewundernswerter Deutlichkeit in ihrem Glückwunsch an Donald Trump zum Ausdruck gebracht. Dies hat übrigens nichts mit "moralischer Selbsterhöhung" zu tun, wie Sie Frau Göring-Eckardt vorwerfen, sondern zeigt, dass das Grundgesetz für viele unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger ein ernst zu nehmendes Konsensangebot ist. Diese Haltung zu verstärken, sollte unsere Verpflichtung sein. Und das heißt: auf Augenhöhe miteinander umgehen. Darin stimme ich mit Ihnen gerne überein.

Mit freundlichem Gruß

Prof. Dr. Wolfgang Gessenharter