Nach tödlichem Polizeieinsatz in Stade. Viele Fragen offen

Der Flüchtlingsrat recherchiert weiter zu dem tödlichen Polizeieinsatz in Stade, bei dem Mitte August der 19-jährige Afghane Aman A. ums Leben kam. Für den Flüchtlingsrat ist weiterhin nicht nachvollziehbar, wieso der Polizeieinsatz eskalierte und Aman erschossen wurde. Nach wie vor ist der Ablauf des Polizeieinsatzes unklar.

Wir haben vor Ort Gespräche geführt. Freund_innen und Unterstützende sind neben der Trauer um den Tod von Aman zugleich tief betroffen von der aus ihrer Sicht verzerrten Darstellung des Jugendlichen in den Medien.

Aman ist im Alter von 16 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Er wird von vielen Personen als ein gut integrierter Jugendlicher beschrieben, der sich für andere einsetzte, der aktiv war, der gut deutsch gesprochen hat und dadurch auch ein wichtiger Mensch und Freund für viele andere war. So half er vielen Jüngeren und neu in Deutschland angekommenen Menschen. Nach seinem Schulbesuch begann er eine Lehre als Tischler. Psychische Belastungen kamen jedoch verstärkt auf und wurden zu einer psychischen Erkrankung. Er befand sich deshalb auch in Behandlung. Dem Flüchtlingsrat Niedersachsen wurde berichtet, dass Aman am Abend seines Todes einen akuten psychotischen Schub gehabt habe. Ein Jugendlicher rief die Polizei, um Aman zu helfen, und die Geschehnisse nahmen ihren tragischen Verlauf.

In einem Video (nur auf Dari/Farsi) berichtet ein in Schweden lebender Youtuber über die Geschehnisse. Diesen hatten Amans Freunde kontaktiert, weil sie der öffentlichen Berichterstattung über den tragischen Todesfall in deutschen Medien ihre eigenen Eindrücke entgegensetzen wollten. Sie hatten das Bedürfnis, mit ihrer Version der Geschehnisse Gehör zu finden. Es ist den Freunden wichtig, dass Aman in den Augen der Öffentlichkeit nicht als gewalttätig verunglimpft wird. Schließlich suchte Aman Schutz vor Gewalt in Deutschland und starb nun bei einer Gewalttat. Die Freunde fordern eine umfassende rechtsstaatliche Aufklärung des Polizeieinsatzes ohne jegliche Vorverurteilungen.

Auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen fordert eine umfassende Aufklärung des tragischen Todes des Jugendlichen.

Wir fordern Politik und Behörden darüber hinaus auf, den vielen betroffenen Menschen unterstützend beiseite zu stehen. Viele Jugendliche sind im Zuge des Todes verunsichert und verängstigt. Sie und auch die Menschen, die ihnen beiseite stehen, gilt es zu unterstützen.

Zugleich sind wir schockiert und entsetzt über rassistische und menschenverachtende Kommentare und Hetze, die uns und andere in den letzten Wochen nach Amans Tod erreicht haben.

Videos zum Geschehen

Mittlerweile sind zwei Videos erschienen, die den Polizeieinsatz thematisieren. WDRforyou, ein Angebot des WDR für Geflüchtete in vier Sprachen, hat zu dem Fall auf Facebook ein Video veröffentlicht. Isabel Schayani und Bamdad Esmaili berichten über die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft zu dem Fall und sprechen mit Rohulla, einem Freund des getöteten Aman A. Das Geschehen nach Eintreffen der Polizei sei weiterhin unklar, die Staatsanwaltschaft gebe zu den genauen Ereignissen nach Eintreffen der Polizei bislang keine Auskunft. Wie Rohulla erläutert, gehe es den Freunden von Aman A. sehr schlecht, sie seien alle von Amans Tod sehr erschüttert. Schayani und Esmaili sprechen darüber, dass es eine offene Frage sei, warum die Polizei dem jungen Afghanen nicht ins Bein geschossen habe. – Das Video ist zweisprachig: Deutsch und Dari/Farsi.